Dieser Artikel ist die Nachbereitung eines Vortrags, den ich am 03.10. auf der Openmind 2010 in Kassel gegeben habe
Im westlichen Kulturkreis leben wir in einer Gesellschaft, die stark individualistisch geprägt ist. Die Freiheit und Entfaltung des Individuums ist nicht nur eine Eigenschaft unserer Kultur, sondern eine gemeinsam geteilte Wertebasis, die uns verbindet. Herrschte in der religiös konservativen Gesellschaft noch eine Art allgemeingültige Moral und ein für alle verbindlicher Lebensstil, so beruft sich die (post)moderne Gesellschaft auf die Werte Toleranz und individuelle Freiheit in der Lebensgestaltung, so daß diese Werte einen darüber hinausgehenden Wertekanon geradezu ausschließen.
Dem gegenüber stehen die Kollektivistischen Kulturen, welche hauptsächlich im asiatischen Raum angesiedelt sind. Im Leben des kollektivistischen Menschen haben ‘die Anderen’ eine höhere Bedeutung als der einzelne. Statt dem ‘ich’ steht das ‘wir’ im Vordergrund. Der Kollektivismus ist nicht in erster Linie eine Frage der Haltung, sondern der Perspektive und des Bewusstseins. Der Fokus liegt nicht auf dem einzelnen Menschen, sondern auf dem Zusammenspiel der Gruppe bzw. Gesellschaft als ganzes. Individuen werden stets im Kontext des Ganzen gesehen. Ein besonderer Wert liegt auf der Harmonie.
Durch den digitalen Wandel verändert sich die Grundlage unserer Gesellschaft, die Kommunikationsstrukturen. Früher erfolgte die Kommunikation der Menschen untereinander ausschließlich im physikalischen Raum, durch Gespräche im engeren Freundes- und Bekanntenkreis. Die Synchronisation der Menschen erfolgte über Massenmedien, die nur Passiven Konsum zuliessen. So herrscht ein geteiltes Bewusstsein über die Inhalte, die gesendet werden (Agenda Setting), aber nicht über die Gefühle die die Menschen dazu haben. Dadurch können Massenmedien Menschen beeinflussen, z.b. durch Werbung. Das Internet ermöglicht nun neue Komunikationskanäle, die die Eigenschaften des Telefons, Dialog, Bidirektionalität und Intimität mit Eigenschaften des Rundfunks verbindet. Jeder ist Sender und Empfänger, und Informationen verbreiten sich viral. Durch die Intensivierung und Verdichtung netzwerkartiger Kommunikationsstrukturen erhöht sich die Verbindung der vielen Menschen Miteinander. Bürger können sich ihrer gemeinsamen Gefühle besser bewusst werden, dadurch entstehen bessere Bedingungen für Grasswurzelbewegungen.
Zunehmend integrieren Menschen das Internet derart in ihr Leben, daß sie es als Lebensraum begreifen. Das Internet wird durch Mobile Geräte allgegenwärtiger, und die Trennung zwischen realer und ‘virtueller’ Welt löst sich auf. Diese Verschmelzung bedeutet auch das Ende der Trennung zwischen realer Welt und Medienwelt, zwei Welten, die bisher grundverschieden, aber immer schon miteinander gekoppelt waren. In der ‘realen’ Welt pflegten ‘Privatpersonen’ soziale Kontakte, in der Medienwelt finden ‘Personen des öffentlichen Lebens’ medial statt, und Profis machen Öffentlichkeitsarbeit. Doch die herkömmlichen Medien werden zunehmend durch das Internet abgelöst. Das Internet ist so frei und allgegenwärtig wie die Luft, die selbst ein Kommunikationsmedium ist. Somit ist das Medium, in dem wir zukünftig alle leben und stattfinden, das Luft-Internet-Hybrid. Das ehemalige Privatleben findet zunehmend in der digitalen Öffentlichkeit statt und die Grenzen zur Prominenz werden fließend und dynamisch. Das Aufzeichnen, bearbeiten und veröffentlichen medialer Inhalte, ehemals ein Privileg einer professionellen Elite, ist nun integraler Bestandteil der alltäglichen Kommunikation aller Menschen. In Medien wie Blogs und Twitter ist eine Trennung zwischen der Pflege sozialer Beziehungen und ‘Public Relations’ nicht mehr möglich. Es verschwimmen auch die Grenzen zwischen ‘kennen’ und ‘nicht kennen’ , neben engeren Freunden sind Menschen zunehmend mit einer Vielzahl loser Beziehungen kommunikativ verbunden, annand der sich Informationen viral verbreiten können. Dadurch verschwindet auch die Grenze zwischen Freundeskreis und massenmedialer Öffentlichkeit.
Die Steigende Vernetzung führt zu einer Gesellschaft, die sich Ihrer selbst stärker bewusst wird, und könnte damit auch zu einer kollektivistischeren Perspektive des einzelnen führen. So führen z.b. Ansätze wie LiquidDemocracy zu einem viel stärkeren Bewusstsein des einzelnen für den politischen Prozess der Entscheidungsfindung. Verstärkend könnte sich die Tatsache auswirken, daß immer mehr Informationen öffentlich werden und miteinander verknüpf werden können. Wenn es zu Persönlichkeitsprofilen kommt, sind vermutlich nicht die Profile der Individuen selbst die Interessanten Daten, sonder die Daten, die sich dadurch über unser Zusammenleben als Gesellschaft gewinnen und nahezu in Echtheit auswerten lassen.
Das Internet verbessert zunehmend die Möglichkeiten der Menschen, Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, sich effektiv über Raum und Zeit hinweg zu organisieren, Meinungen auszutauschen und politische Diskurse zu führen. Hier schlummert ein Potential Das noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft wird. Doch ein Realisieren der Potentiale ist nicht allein eine Frage der Technologie, sondern auch eine Frage sozialer Kompetenzen. Meine Erfahrungen in der Piratenpartei haben mir gezeigt, daß neue Kommunikationtechnologien allein noch nicht zu Effektivität führen. Idealerweise soll ein Diskurs qualitativ hochwertige Ergebnisse (Unzufriedenheit gerecht verteilen, Zufriedenheit maximieren) zeitnah erreichen, also gut und schnell sein. Die Qualität eines Diskurses ist jedoch auch eine Frage des zwischenmenschlichen Umgangs. Hier halte ich es für förderlich wenn der einzelne sich stärker mit dem politischen System als ganzes Identifiziert, und neben dem individuellen Interesse auch ein Interesse an einem gelungenen Diskurs hat, d.h. an einer harmonischen Kommunikation und am Gemeinwohl.
Als Fazit möchte ich die These aufstellen, daß ein zunehmendes Bewusstsein der Gesellschaft eine kollektivistische Perspektive hervorbringen könnte, diese aber auch hilfreich oder geradezu notwendig sein kann, um die Potentiale der Vernetzung wirklich ausreizen zu können. Daher schlage ich vor, an den Werten aus der Individualistischen Tradition wie die Bürger- und Menschenrechte festzuhalten, jedoch Werte aus Kollektivistischer Tradition wie Harmonie- und Konsensorientierung in den Wertekanon mit Aufzunehmen. Im Vortrag kam die Frage auf, ob das so möglich sei, oder ob es sich um eine Abwägung handelt, bisher konnte ich jedoch noch keinen Konflikt der Werte Feststellen. Die Zukunft sehe ich jedoch nicht in einem Kollektivismus asiatischer Prägung, sondern ich glaube, daß durch die Netzkultur etwas neues entsteht, das weder mit Westlicher noch asiatischer Kultur vergleichbar ist, jedoch unter anderem kollektivistische Elemente enthält. Eine Massengesellschaft mit Massen, die nicht mehr das sind, was sie einmal waren, sondern intelligenter, weiser und handlungsfähiger.